LAPT Rio: Im Schatten des Zuckerhuts

Rio rockt die Pokerwelt: Im Hotel Intercontinental in Rio de Janeiro beginnt die erste PokerStars.com Latin American Poker Tour. Nach dem Stand der Dinge werden die 300 Startplätze (Buy-in: $2.500) ausverkauft sein, denn den bislang größten Pokerevent auf brasilianischem Boden wollen sich auch viele lokale Spieler nicht entgehen lassen. Neben einer wahren Legion an PokerStars-Qualifikanten werden voraussichtlich auch neun Mitglieder des Teams PokerStars Pro am Start sein. Neben den "Lokalmatadoren" Andre Akkari und Humberto Brenes werden in Rio so illustre Gäste wie Isabelle Mercier, Vanessa Rousso, Chad Brown, Chris Moneymaker, Victor Ramdin, Gavin Griffin und Greg Raymer ins Geschehen eingreifen.


Greg Raymer beim Check-in

Wer beim Stichwort Rio de Janeiro an die üblichen Klischees wie Sonne, Strand und Caipirinha denkt, wird in diesen Tagen nur teilweise zufriedengestellt. In Brasilien hat der Herbst begonnen, die Bewohner Rios bibbern bei bedecktem Himmel und Temperaturen von lediglich um die 20 Grad. Dementsprechend menschenleer ist auch die weltberühmte Copacabana. Nur ein paar einsame Strandläufer ziehen ihre Kreise und müssen sich vor gewaltigen Brechern in Acht nehmen. Die See, sie lädt mit Sicherheit nicht zum Baden ein - auch wenn die örtlichen Damen überwiegend so gekleidet sind, wie es sich der durchschnittliche Mitteleuropäer mit TV-Reisemagazin-Erfahrung vorstellt.


Die Copacabana im Herbst

Einige der Neuankömmlinge mussten gestern sogar mit der Tatsache leben, dass ihr Gepäck völlig durchnässt am Rollband ankam: Ein heftiger Regenguss und die Tatsache, dass es auf dem internationalen Flughafen von Rio keinen einzigen geschlossenen Gepäcktransporter gibt, sorgten für gelinden Unmut bei den Passagieren, die zuvor sardinenartig bis zu 14 Stunden in ihrem Flieger zusammengequetscht waren. Die Einreiseprozedur tat dann ein Übriges, die Anreise insgesamt nicht gerade als Vergnügen erscheinen zu lassen: Alles Mögliche muss hierzulande auf Formblättern mit mindestens einem Durchschlag dokumentiert werden. Und sowas kann dauern...

Dave Hardy, der aus London via Lissabon nach Rio einschwebte, nahm's gelassen. Der baumlange 31-jährige Ingenieur, der die letzten acht Jahre mit höchst lukrativen Jobs auf diversen Ölbohrplattformen verbracht hat, hat das Kunststück fertiggebracht, sich auf PokerStars nicht nur via Steps für den Event in Rio zu qualifizieren: Vor zwei Tagen versuchte er sich "aus Langeweile" auch noch an der Qualifikation für die LAPT San Jose (Costa Rica) und sicherte sich prompt auch dieses Ticket. "Als ich mich für Rio qualifizierte, war ich gerade auf einer Ölbohrinsel zwischen Schottland und Norwegen. Ich glaube, man hat mein Triumphgeheul in beiden Ländern gehört", berichtete der Globetrotter, den sein Beruf schon um die halbe Welt geführt hat. Den Versuch eines Taxifahrers, für die Strecke zum Interconti einen völlig überhöhten Preis zu verlangen, konterte magicdave2 in perfektem Portugiesisch. "Das habe ich gelernt, als ich für einige Zeit in Angola arbeitete." Unmittelbar nach der Ankunft im Turnierhotel wurde der lebensfrohe Brite den angeblichen Trinkgewohnheiten seiner Landsleute voll und ganz gerecht: Gemeinsam mit zwei soeben kennengelernten Pokerspielern aus Irland brachte Dave die Alkoholvorräte der Bar in gefährliche Schieflage. Als sich dann herausstellte, dass er einen der beiden Iren bereits von diversen Onlineschlachten her kannte und dass beide zu allem Überfluss noch den selben Lieblingsfußballverein (West Ham United) haben, war der erfreuliche Fortgang des Abends garantiert.


Im Schatten des Zuckerhuts
 

Zu den Spielern, die hier in Brasilien die deutschen Farben hochhalten wollen, zählt Norman Kastner. Der 28-Jährige aus Stahnsdorf bei Berlin kämpft derzeit wohl noch mit seinem Jetlag, einen vereinbarten Interviewtermin konnte er jedenfalls bis dato nicht wahrnehmen. Der Mann war einfach nicht aus dem Bett zu kriegen. Was wir keinesfalls unterstellen wollen: Vielleicht hat's ja auch an der ersten Bekanntschaft mit brasilianischem Bier gelegen. Das wird zumeist in Dosen serviert, stets am Rande des Gefrierpunkts temperiert und enthält laut ausdrücklicher Deklaration neben Wasser, Hopfenextrakt und Malz so dubiose Beimischungen wie "Antioxidante 316" oder auch "Estabilizante 405". So schmeckt's dem Vernehmen nach auch. Überdies wird ohne Umschweife darauf hingewiesen, dass das Gebräu definitiv Gluten enthält, was der Gesundheit vieler Zeitgenossen eher abträglich sein dürfte. Dann also lieber Caipi: Leider glaubt das Personal an der hiesigen Hotelbar, dass in den Zuckerrohrschnaps mit frischen Limetten - soweit o.k. - viel Zucker gehört. Viiiieeeellll Zucker! Die mit leiser Stimme vorgetragene Bitte, man möge doch keinen Zuckerhut (haha!) aus dem köstlichen Getränk machen, werden nonchalant ignoriert. Aufatmen: Wenigstens das brasilianische Mineralwasser lässt sich unfallfrei konsumieren.

Nach diesem kleinen Exkurs in die Geheimnisse brasilianischer Getränke zurück zum Pokergeschehen: Weitere qualifizierte Teilnehmer aus unseren Gefilden sind nach aktuellem Kenntnisstand Christian chrisrokx Taepper aus München, Nico mad.afurable Behling aus Jena, Giftpil$ aus Freiburg, Kahnu aus Hamburg und sawil aus Mannheim. Schmette aus Hilsbach hat sich nicht qualifiziert, sondern die $2.500 selbst aufgebracht. Sobald die offiziellen Teilnehmerlisten vorliegen, folgt hierzu ein Update.

Heute Abend um 19:30 Uhr Ortszeit (= 0:30 Uhr MESZ) steigt die traditionelle Willkommensparty. Das Turnier beginnt morgen um 13:00 Uhr (= 18:00 Uhr MESZ) und wir werden in ausführlichen Zusammenfassungen berichten. 

 

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