Strategie: Steve Paul-Ambrose und seine Tipps für das Sunday Million

von Brad "Otis" Willis, 03.03.09, 10:40:00

In früheren Artikeln haben wir Ihnen beschrieben, wie die Spitzenspieler ihre Erfolge bei den großen Onlineturnieren eingefahren haben (und falls Sie das verpasst haben, sollten Sie sich noch einmal in Ruhe die Online Poker Show vom 01.03.09 ansehen). Im folgenden Artikel erklärt Ihnen Team PokerStars Pro-Mitglied Steve Paul-Ambrose, was Sie selbst unbedingt beachten sollten, um auch einmal den ganz großen Turniererfolg zu landen.


von Steve Paul-Ambrose

Die Aussicht darauf, aus $200 runde $200.000 zu machen, hat einfach einen unwiderstehlichen Reiz - und nirgendwo in der Pokerwelt ist das schneller möglich als mit dem Gewinn des PokerStars Sunday Million.

Leider ist das nicht ganz so einfach - schließlich nehmen an diesem Turnier Woche für Woche über 7.000 Spieler teil. Im folgenden Artikel werde ich ein paar Strategien und Vorgehensweisen erläutern, mit denen man in so großen Multitisch-Turnieren wie dem Sunday Million zum Erfolg kommen kann. Zunächst kommen ein paar allgemeine Beobachtungen und dann werde ich auf die strategischen Anpassungen eingehen, die man in der Endphase eines solchen Turniers vornehmen muss.

Eine der wichtigsten Regeln bei Turnieren lautet: Egal wie gut man spielt - niemand gewinnt ein Turnier mit 7.000 Spielern (oder kommt bis weit in die Preisgelder) ohne ein wenig Glück. Das klingt zunächst etwas entmutigend, doch muss sich einfach immer vor Augen halten, dass es nicht nur darauf ankommt, gut zu spielen - man muss eben auch immer ruhig und cool bleiben, wenn es einmal nicht so läuft. Zweitens nutzen viel zu viele Spieler bei solchen Turnieren ihre Vorteile nicht richtig aus, sondern versuchen einfach nur, so lange wie möglich zu überleben und damit so weit wie möglich zu kommen. Doch bei über 7.000 Spielern genügt Überleben allein nicht - man muss auch aktiv Chips sammeln. Es gibt zwar ein paar Ausnahmen von dieser Regel, auf die ich später noch zu sprechen komme, aber unser erstes und wichtigstes Ziel in einem Turnier muss sein, bei jeder Hand die Anzahl der eigenen Chips zu maximieren (wobei sehr häufig ein Fold, bei dem man null Chips gewinnt, die beste aller Optionen sein kann). Und noch eine letzte, nicht ganz so wichtige Anmerkung: Die Struktur eines Turniers sollte keinen nennenswerten Einfluss auf die eigene Strategie haben. Die Turnierstruktur bestimmt nur, wann und wo man die unterschiedlichen Phasen eines Turniers erreicht - aber sie sollte nur sehr selten der Grund dafür sein, warum man eine Hand so und nicht anders spielt.

Frühe Turnierphase

Die frühe Turnierphase des Sunday Million wird von drei Aspekten bestimmt: Es ist ein Deep Stacks-Turnier, es gibt keine Antes und man spielt an Neunertischen. In den meisten Fällen sollte man daher so spielen wie in einem Cashgame - schließlich spielt in dieser Phase die Auszahlungsstruktur des Turniers noch die geringste Rolle. Sofern man nicht an einem sehr schwachen Tisch sitzt, sollte man vermeiden, nur wegen eines geringen Vorteils um all seine Chips spielen zu müssen - die meisten Spieler verlieren meiner Meinung nach mehr Chips auf der Suche nach einem solchen Vorteil, als sie tatsächlich gewinnen, wenn sie ihn einmal finden. Nicht vergessen: Das oberste Ziel besteht darin, Chips zu sammeln! Wenn man also trotz korrektem Spiel früh aus dem Turnier fliegt, kann man zumindest immer noch mit sich und seiner Leistung zufrieden sein.

Aufgrund der fehlenden Antes und der vollen Tische ist "korrektes Spiel" für mich in dieser Phase schnörkelloses, tight-aggressives Spiel, das je nach Position ein wenig mehr loose ausfallen kann. Ein zusätzlicher Vorteil dieser Spielweise besteht darin, dass man sich ein tightes Image am Tisch aufbaut - was zumeist auch dann noch in den Köpfen der anderen Spieler vorherrscht, wenn die Antes kommen und man selbst aggressiver zu spielen beginnt. Außerdem sollte man in dieser Phase versuchen, einen Read auf die Gegner zu bekommen und - möglichst in Position - hauptsächlich Pötte gegen die schwächeren Spieler am Tisch zu spielen. Ein Großteil des Profits in dieser Phase kommt von denjenigen Spielern, die zu loose spielen - und davon gibt es bei Turnierfeldern in dieser Größe normalerweise reichlich. Leider müssen sich diese Spieler meist auch als erste verabschieden; also sollte man sich bis dahin in eine möglichst gute Position gebracht und ihre Chips eingesammelt haben, bevor es ein anderer getan hat.

Mittlere Turnierphase

Während dieser Phase kommen die Antes ins Spiel und die Chpstacks beginnen zu schrumpfen. Antes belohnen das aggressivere Spiel, da die Pötte jetzt größer werden und damit auch der Anreiz zum Stehlen der Blinds steigt. Außerdem wird das Spiel vor dem Flop wichtiger, wenn die Stacks schrumpfen. Daher sollte man jetzt aggressiver spielen und immer wieder mit Preflop-Raises und Re-Raises arbeiten. Gute Reads auf die Gegner bleiben weiterhin sehr wichtig - jetzt muss man einfach wissen, wer seine Blinds verteidigt oder nicht, wer auch ohne gute Hand einen Re-Raise oder einen Re-Re-Raise bringt usw. Zwar würde es den Rahmen dieses Artikels sprengen, alle strategischen Anpassungen zu beschreiben, die unter allen denkbaren Bedingungen am Tisch möglich wären, aber dennoch hier ein paar grundlegende Ratschläge: Zum einen sollte man sich jetzt weniger auf die loosen Spieler und mehr auf die zu tighten Spieler konzentrieren und versuchen, diese auszunutzen. Obwohl loose (vor allem loose-passive) Spieler nach wie vor profitable Gegner sein können, ist ihre Spielweise durch das Ansteigen der Antes besser für diese Turnierphase geeignet als für die frühe Turnierphase. Zweitens sollte man in der mittleren Turnierphase diejenigen Spieler, die ihre Strategie an die Antes angepasst haben und häufiger Pötte spielen, mit Re-Raises attackieren - nur so lässt sich ein Turnier auch gewinnen. Drittens, und das ist das Wichtigste, gilt: Es gibt im Grunde keine "optimale" Strategie für die mittlere - oder irgendeine - Turnierphase: Unterschiedliche Spielertypen und Tisch-Konstellationen erfordern unterschiedliche Konzepte. Also ist es das Beste, sich den jeweiligen Gegebenheiten anzupassen.

Wenn die Bubblephase näher rückt, wird wieder eine Anpassung des eigenen Spiels nötig - und zwar nicht, weil man unbedingt ins Geld kommen will, sondern als Anpassung auf die Änderung in der Spielweise der anderen Spieler. Natürlich muss man preflop aggressiver sein, damit nicht jeder Gegner sich mit einem Call den Flop billig ansehen kann, aber man darf auch nicht vergessen: Während die untersten Preisgeldstufen etwa dem Ein- bis Zweifachen des Buy-ins entsprechen, bekommt man für den Turniersieg in etwa das Tausendfache seiner Startgebühr. Auch hier kommt es wieder darauf an, seine Strategie dem Tisch anzupassen - also diejenigen zu attackieren, die zu sehr darauf aus sind, ins Preisgeld zu rutschen, und bei anderen "Angreifern" den richtigen Moment zum Gegenangriff abzuwarten.

Wenn die Bubble erst einmal hinter einem liegt, beginnt häufig eine lange Turnierphase, in der die meisten Stacks im Verhältnis zu den Blinds sehr klein sind und in der das Spiel fast ausschließlich preflop stattfindet. Korrektes Spiel ist in dieser Phase häufig ein reines Rechenexempel - und eines, in dem sich die eigenen Instinkte regelmäßig als trügerisch erweisen. Ich kann hier nur einen Rat geben: Am besten macht man seine Hausaufgaben abseits des Tisches. Hierfür stehen einem viele gute Tools zur Verfügung, aber das meiste lässt sich mit einer Excel-Tabelle oder einem großartigen kostenlosen Programm namens Pokerstove erledigen. Wer die Hand-Range korrekt bestimmen kann, bei der er vor dem Flop entweder All-in geht oder passt, wird in fast allen Turnieren einen gewaltigen Vorteil haben - und vor allem bei Turnieren mit so schneller Struktur wie dem PokerStars Sunday Million.

Späte Turnierphase

Wenn der Finaltisch näher rückt, ändert sich vor allem eines: Man sitzt immer häufiger mit weniger Spielern an einem Tisch. Auch das erfordert letztlich ein aggressiveres Spiel als bisher - und da man jetzt häufiger Pötte mit marginalen Händen spielen muss, werden gute Reads noch wichtiger, als sie ohnehin schon waren. Jetzt kommt es darauf an, zwischen den Spielern zu unterscheiden, die es an den Final Table schaffen wollen, und denen, die das Turnier gewinnen wollen - und sich von Fall zu Fall darauf einzustellen. Idealerweise sollte man in der Lage sein, sich jeden Spieler (oder jeden Avatar) am Tisch anzusehen und eine gute Vorstellung davon zu haben, wie man einen Vorteil gegen ihn erzielen kann - indem man tight spielt und Valuebets bringt, die Blinds häufiger attackiert, öfter mal ein Re-Raise einstreut oder - im Falle eines großartigen Spielers - ob man denjenigen Spieler möglichst meidet. Natürlich klappt das in der Realität niemals hundertprozentig, denn Poker ist bekanntlich ein Spiel der unvollständigen Information - aber allein dadurch, dass man versucht, dieses Ziel zu erreichen, bleibt man konzentriert.

Und es gibt noch einen wichtigen Aspekt: Das Erreichen des Finaltischs ist kein Ziel an sich - stattdessen gilt es, den zu erwartenden Gewinn zu maximieren. Also sollte man keine Angst vor einem Move haben, wenn der nach eigener Ansicht korrekt ist. Man darf nicht vergessen, dass bei jedem Pokerturnier das Glück eine große Rolle spielt und sollte deshalb einfach versuchen, so gut wie möglich zu spielen. Nach einem zehnten Platz beim Sunday Million und einigen Bubbleboy-Ergebnissen in WPT- und WSOP-Events (und zahlreichen Onlineturnieren) kenne ich das miese Gefühl, nach stundenlangem Spiel knapp vor dem Ziel auszuscheiden. Aber das meiste Geld verdient man nun einmal, wenn man unter die ersten Drei kommt - also lassen Sie sich nicht von dem Gedanken blenden, unter allen Umständen den Final Table erreichen zu wollen.

Im Grunde kann man meine Aussagen in diesem Artikel auf einige wenige Stichpunkte zusammenfassen:

Das Spiel vor dem Flop ist bei Turnieren extrem wichtig. Um darauf gut vorbereitet zu sein, müssen Sie Ihre Hausaufgaben abseits des Tischs machen.

Reads sind in jeder Turnierphase extrem wichtig, aber vor allem in der Bubblephase und gegen Ende des Turniers.

Wer ein Turnier gewinnen will, braucht immer auch Glück. Also lassen Sie die Resultate eine Weile lang aus den Augen, spielen Sie Ihr bestes Poker ... und haben Sie Spaß dabei!

 

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