Fehler, Ungerechtigkeit, Rache - Arten von Poker-Tilt und wie sie sich überwinden lassen

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Man stelle sich folgendes Szenario vor: Sie verlassen das Haus und fühlen sich großartig - Sie sind guter Dinge und freuen sich auf den bevorstehenden Tag. Plötzlich kommt ein Vogel vorbeigeflogen und kackt Ihnen auf den Kopf. Sie sind auf hundertachtzig. Sie verfluchen den Vogel für seine Schandtat. Der Vogel hat Ihnen den Tag versaut. Insgeheim wollen Sie womöglich Rache üben - nur dreht der Vogel längst anderswo seine Kreise. Ihre Gemütslage schlägt um. Das optimistische Ich hat sich (wie der Vogel) verabschiedet und den Raum geflutet mit Unglück und Katastrophen, die sich heute ganz sicher ereignen. Kurzum: Sie sind auf Tilt.

Ähnliches kann Ihnen am Pokertisch widerfahren. Nichts Böses ahnend haben Sie Spaß in einem Turnier, bis - unversehens - ein Gegner, der nichts im Pot zu suchen hatte, eben diesen gewinnt. Ein Gegner, der Ihnen gewissermaßen auf den Kopf kackt und Sie um den Spielspaß beraubt. Sie sind wütend und außer sich. All Ihre Mühen umsonst. Die Gefühle nehmen überhand. Das rationale Ich zieht sich ängstlich zurück. Zorn macht sich breit.

Sicher ist: Sie wollen nicht auf Tilt sein. Weder im realen Leben noch beim Pokern.


Tilt und Emotionen beim Pokern

Weiter unten befassen wir uns mit den verschiedenen Tilt-Formen und wie wir ihnen entgehen. Vorher sollten wir aber klären, was Tilt überhaupt ist.

Im weitesten Sinne kann von Tilt die Rede sein, wenn Sie - aus welchen Gründen auch immer - schlecht gespielt haben. Tilt so zu betrachten, hilft uns aber nicht weiter. Nehmen wir nur dieses Beispiel:

„Ich war in einem Pot, mein Gegner hat erhöht, aber ich bin getiltet und hab' den Pot verloren."

Dieser Satz verrät uns nichts. Wir erfahren nichts über die Hand, die Entscheidung oder die Gründe für die fehlerhafte Spielweise.

Es ist ein Leichtes, Fehler zu machen, weil Sie Wissenslücken haben oder einfach nur müde waren und unkonzentriert gespielt haben. Nichts davon ist aber Tilt. Es ist bloß schlecht gespielt. Wenn wir von Tilt sprechen, ist damit jedoch fast immer eine emotionale Reaktion gemeint.

Zu Tilt kommt es, wenn Ihre Gefühle Entscheidungen negativ beeinflussen. Die Gefühle können breit gefächert sein - von Euphorie bis Langeweile. Die unterschiedlichsten Emotionen können zu Tilt führen. Allerdings gibt es ein Gefühl, das fast jedem Tilt vorauseilt.


Tilt ist ein wütendes Gefühl

In den meisten Fällen entspricht Tilt einem verärgerten Gemütszustand. Das Spektrum reicht dabei von stiller Frustration bis hin zu quer durch den Raum fliegenden Tastaturen.

Am leichtesten lässt sich Tilt mit dieser Formel beschreiben:

TILT = WUT + SCHLECHTES SPIEL

Diese Definition haben wir aus dem hervorragenden Buch „The Mental Game of Poker", das Jared Tendler und Barry Carter verfasst haben. Lesen Sie das Buch, wenn Sie mehr über die Hintergründe von Tilt erfahren wollen - und darüber, wie man ihn bezwingt.

Da wir nun die Definition kennen, ist es an der Zeit, uns mit der Frage zu beschäftigen, was Tilt verursacht.

Wichtig: Wut ist nur eine Reaktion, nicht die eigentliche Ursache für Tilt. Etwas ist geschehen, das uns wütend macht, sei es eine Hand oder ein Gedanke. Dieser Ärger kann sich negativ auf unsere Spielweise auswirken. Erkennen Sie, was Sie persönlich wütend macht. Wenn Sie wissen, was Tilt in Ihnen auslöst, ist es wesentlich einfacher, die Gefühle am Pokertisch in den Griff zu kriegen.

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„The Mental Game" nimmt Tilt unter die Lupe und erklärt uns, wie wir Tilt überwinden


Tilt hat 7 Erscheinungsformen

Um die verschiedenen Tilt-Arten zu bestimmen, haben wir uns einmal mehr bei „The Mental Game of Poker" bedient. Wir machen keine Werbung für das Buch. Die darin enthaltenen Konzepte sind einfach gut durchdacht. Für uns gibt es keinen Grund, gedanklich ein neues Fass aufzumachen.

Nachstehend also die sieben Tilt-Arten, die uns bekannt sind:

Ungerechtigkeits-Tilt

Hierzu kommt es, wenn Sie sich ungerecht behandelt fühlen. Für gewöhnlich nach einem Bad Beat - oder wenn sie zwei oder drei Bad Beats in Folge erleiden mussten. Noch schlimmer bei einem Suckout am River, oder in anderen Fällen, in denen Sie den Pot hätten gewinnen „müssen". Cooler-Hände und Coinflips in kritischen Situationen können ebenfalls ein Gefühl der Ungerechtigkeit aufflammen lassen: „Wenn ich in dieser Hand bloß nicht KQ ausgeteilt bekommen hätte ... dann wäre ich am Final Table."

Spieler, die etwas von Varianz verstehen, wissen, dass es keinen Grund für dieses Gefühl gibt. Aber es ist oft leichter gesagt als getan, nach einem Bad Beat die Ruhe zu bewahren.

Fehler-Tilt

Wider besseres Wissen Fehler zu machen, kann sich sogar noch verheerender auswirken als Bad Beats. Denn: Sie allein sind an der Misere schuld. Mit einem dummen Fehler haben Sie alles vermasselt. Es ist ein frustrierendes Gefühl. Vielleicht waren Sie nur kurz unachtsam. Oder Sie mussten am Showdown einsehen, dass Sie die Hand besser hätten spielen können. Die Einsicht kommt zu spät - der Fehler ist passiert.

Wenn Sie sich allzu stark über Fehler ärgern, ist Tilt nahezu vorprogrammiert. Der nächste Fehler kommt bestimmt - und der Teufelskreis setzt sich unbeirrt fort.

Akzeptieren Sie, dass Fehler zum Poker dazugehören. Dass Sie durch Fehler lernen und Ihr Spiel schrittweise verbessern. Entwickeln Sie eine Routine dafür, Entscheidungen abseits der Tische zu überprüfen. So erlangen Sie etwas Kontrolle - vielleicht fühlen Sie sich sogar weniger ärgerlich. In jedem Falle sorgen Sie dafür, dass Fehler nützlich werden.

Rache-Tilt

Hin und wieder wird es einen Spieler gegeben, der Ihnen gehörig auf die Nerven geht. Er oder sie hat einmal zu oft die Straight am River getroffen. Oder zu oft die Blinds gestohlen. Oder zu viele Gegenstände nach Ihnen geworfen. Oder vielleicht passt Ihnen auch bloß der gegnerische Avatar nicht.

Was auch immer diesen Tilt hervorgerufen hat: Es ist nie besonders schlau, der Wut und dem Frust nachzugeben und blind Jagd auf den Nemesis zu machen. Nach profitablen Spots Ausschau halten? Ja - auf jeden Fall. Zu dämlichen, waghalsigen Moves ansetzen und sich ärgern, dass der Gegner trotzdem callt? Nein - niemals.

Warten Sie auf geeignete Gelegenheiten, um zum Konter anzusetzen. Lassen Sie sich von Ihren Emotionen nicht dazu verleiten, gezielt und ohne Verstand andere Spieler anzugreifen.

Nicht-verlieren-wollen-Tilt

Natürlich will jeder Spieler gewinnen - aber wir alle müssen damit rechnen zu verlieren. Es ist ein schmaler Grat. Bei Poker-Spielen wollen Sie Kampfgeist zeigen und nicht den Eindruck erwecken, bereits verloren zu haben. Doch selbst die allerbesten Poker-Profis verlieren mehr Hände als sie gewinnen - im Gewinnfall gewinnen sie nur eben genug, um die Verluste mehr als wettzumachen. In jedem Fall gilt: Verluste können logischerweise Tilt auslösen.

Ein paar Faktoren können den Nicht-verlieren-wollen-Tilt verstärken. Zum Beispiel, wenn man das Spiel als sehr wichtig ansieht - sei es bei einem Deep Run, an der Bubble eines Turniers (entweder die Money-Bubble oder vor einem Preisgeld-Sprung), oder nach mehreren verlorenen Spielen in Folge. Diese Art Tilt kann sich auch mit anderem Tilt vermischen, zum Beispiel mit Entitlement-Tilt (folgt weiter unten).

Wie Sie dieser Art Tilt begegnen: Bewegen Sie sich bei der Auswahl der Spiele in den Grenzen Ihrer Bankroll. Wenn Sie nicht darauf vorbereitet sind, das Spiel zu verlieren, haben Sie im Grunde bereits verloren. Sie müssen in der Lage sein, kurzfristige Verluste hinzunehmen. Konzentrieren Sie sich auf die langfristigen, positiven Resultate.

Entitlement-Tilt

Vergleichbar mit dem Nicht-verlieren-wollen-Tilt. Beim Entitlement-Tilt spielen Sie mit einem Anspruchsdenken, das Ihnen das Gefühl vermittelt, Gewinne verdient zu haben. Vielleicht glauben Sie, besser als das restliche Teilnehmerfeld zu spielen. Vielleicht ist das tatsächlich so - oder aber Sie haben sich in diese Vorstellung verrannt. Wie soll ich das von hier aus beurteilen?

Sehr häufig ist diese Art Tilt unterschwellig bei recht passablen Spielern zu beobachten, die der Meinung sind, ein Spiel schlagen zu können. Wenn Sie Sie bei SNG- oder MTT-Turnieren eine bestimmte Winrate erwarten, könnten Sie enttäuscht und verärgert sein, wenn Sie diese Zielmarke verpassen.

Ihr Mindset lässt Sie denken, dass Ihnen der Sieg gehört. Wenn Sie dann nicht gewinnen, haben Sie das Gefühl, man hätte Ihnen etwas weggenommen. Für diesen Tilt gibt es keine schnelle Lösung. Lernen Sie, zu akzeptieren, wie die Wahrscheinlichkeiten und Varianz beim Pokern funktionieren.

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An der Bubble eines Turniers zu scheitern, ist eines der frustrierendsten Erlebnisse beim Pokern

Verzweiflungs-Tilt

Der Drang, sich Geld (oder Stolz) zurückzuholen, kann zu einer Reihe von Fehlern führen und den Verzweiflungs-Tilt auf den Plan rufen. Es ist ein Gefühlszustand, den Sie um jeden Preis meiden wollen. Spielen Sie Roulette, würde sich der Tilt wie folgt bemerkbar machen: „Nur noch eine Runde!"

Beim Pokern kann der Tilt übertriebene Action forcieren. Aus heiterem Himmel platzieren Sie viel zu große Bets, Sie gehen mit Schrott-Händen All-In, Sie spielen länger als beabsichtigt, Sie klettern in den Stakes nach oben oder wechseln zu schnelleren Spielen, um die Verluste schnell wieder hereinzuholen.

Spielen Sie immer verantwortungsvoll. Versuchen Sie nie, auf diese Weise Geld zurückzugewinnen. Verzweiflungs-Tilt lässt sich bezwingen, indem Sie ein gesundes Bankroll-Management einhalten. Spielen Sie außerdem nur mit Geld, dessen Verlust Sie sich leisten können.

Pechsträhnen-Tilt

Wird verursacht, wenn Sie über längere Zeit vom Pech verfolgt sind. Vielleicht bekommen Sie keine spielbaren Hände ausgeteilt - oder Sie verlieren jeden Flip - oder Sie verlieren bereits seit Wochen oder Monaten.

Eine Pechsträhne ist an und für sich kein Tilt. Im Grunde handelt es sich um eine Kombination der obigen Tilt-Arten, die sich hier und da bemerkbar machen oder langanhaltend manifestieren. Ihr Kopf kommt nicht mehr zur Ruhe. Zu Beginn der nächsten Session sind Sie bereits auf Tilt. Hat sich der Tilt festgesetzt, ist es schwierig, wieder davon loszukommen.

Diese Art Tilt lässt sich am häufigsten bei Profis und Poker-Grindern beobachten. Hobby-Spieler werden weitgehend verschont. Downswings können sich wochen- oder monatelang hinziehen. Als Profi müssen Sie sich die mentale Stärke aneignen mit den Swings umzugehen.


Auswirkungen von Tilt

Allen beschriebenen Tilt-Arten liegen Emotionen und Wut zugrunde, die schließlich zu schlechtem Spiel führen. Wie sich das „schlechte Spiel" äußert, hängt vom Spieler ab. Herauszufinden, wie Sie reagieren und wie Tilt Ihr Spiel beeinflusst, hilft Ihnen dabei, Ihre Emotionen beim Pokern in den Griff zu bekommen und Tilt zu vermeiden.

Im Folgenden behandeln wir ein paar mögliche Auswirkungen von Tilt:

Zu loose spielen

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Spieler wie Lex Veldhuis sind für ihre loose Spielweise bekannt - dies ist nicht mit dem Spew zu vergleichen, wenn man auf Tilt ist

Da Tilt hauptsächlich Gefühle der Wut zugrunde liegen, ist Spew - ein viel zu looses Poker-Spiel - natürlich eine der möglichen Auswirkungen.

Beim Pokern All-In zu gehen ist mit einem kräftigen Fausthieb zu vergleichen. Er bleibt sogar ohne Folgen: Sie landen weder im Krankenhaus noch im Gefängnis. Wenn Sie wütend werden, feuern Sie mit Ihren Chips los - als ob dies den Gegner ernstlich verletzen könnte. Und einen Moment später stehen Sie da. Ohne Chips ... ein erstklassiger Spielzug eben.

Die Schotten dicht: Plötzlich tight

Es mag sich für die Spieler, die unter „Spew-Tilt" leiden, absurd anhören, aber ein Bad Beat oder begangene Fehler können Angst hervorrufen. Angst, überhaupt noch Chips in die Mitte zu legen.

Mit Wut im Bauch scheuen Sie vor der Action zurück, aber Sie werden sich von den Spielern (oder den Karten) nicht noch einmal ins Bockshorn jagen lassen ... Stattdessen verpassen Sie zig Spots, generieren viel zu wenig Value, callen passiv herunter (was Sie im Endeffekt mehr Chips kostet), oder lassen zu, dass die Blinds Ihren Stack auffressen.

Passives Poker ist kein gutes Poker. Es mag (ein bisschen) besser sein als Spew - für manche sogar ein gangbarer Weg, um negativer Gefühle wieder Herr zu werden. Irgendwann sollten Sie den Schalter aber wieder umlegen und bereit sein, Chips in die Mitte zu schieben - wenn der Spielzug richtig ist.

Fancy Play Syndrome

Vom „Fancy Play Syndrome" ist die Rede, wenn Sie anfangen, Poker-Hände zu verkomplizieren und zu viel über diese nachdenken. Was auch immer Ihren Ärger ausgelöst hat: Sie wollen sich beweisen und nutzen dafür jeden Spielzug, egal wie unsinnig er sein mag.

Das Problem dabei: Sie greifen zu Moves, die Sie eigentlich nie einsetzen würden. Sie sind auf Tilt und Ihrem Ärger ausgeliefert. Noch vor einer Sekunde haben Sie solide gespielt. Jetzt versuchen Sie sich an Bluffs gegen einen Spieler, der nicht folden kann. Und mehr braucht es oft nicht, um aus einem Turnier zu fliegen.

Wenn Sie sich fürchterlich über etwas ärgern und glauben, dass Ihre Spielweise beeinträchtigt ist, können Sie dem Fancy Play Syndrome entfliehen, indem Sie sich fürs erste auf die Basics besinnen. Zumindest so lange, bis Sie Ihren Ärger wieder eingefangen haben.


Wie lässt sich Tilt beim Pokern vermeiden?

Tilt ist zu vermeiden, indem Sie die Wut bändigen und nicht zulassen, dass Entscheidungen von ihr beeinflusst werden. Klar ist das einfacher gesagt als getan - und Sie werden auch nicht über Nacht vom Tilt erlöst.

Weniger Tische zu spielen oder eine Session vorzeitig zu beenden, kann die Wut zügeln und den Schaden begrenzen, den Tilt anrichten kann. Bis Sie Ihre Gefühle kontrollieren können, ist dies der beste Ansatz. Aber: Es ist keine Heilung und der Glaube an einen „Neuanfang" tags darauf ist ein Mythos. Sie sollten unbedingt Pausen einlegen oder Sessions beenden, wenn Ihre Gefühle zu viel werden. Langfristig sollten Sie aber lernen, Wut zu erkennen und sie zu kontrollieren.

Ein erster Schritt ist es, dass Sie sich Ihres „Tilt-Profils" bewusst werden. Finden Sie heraus, was Tilt in Ihnen auslöst und wie Ihr Körper und Verstand reagieren. Ergründen Sie, ab welchem Punkt Sie die Kontrolle abgeben und Ihre Emotionen das Sagen haben. Stellen Sie fest, was Sie aktuell unternehmen, um mit Tilt umzugehen. Dies wird Ihnen dabei helfen, Ihren eigenen, persönlichen Tilt zu verstehen. Dieser Ansatz ist wesentlich besser geeignet als schnelle Lösungen, die den Ursachen nicht auf den Grund gehen.

Auch Wissen ist essenziell, um Poker-Tilt zu überwinden. Wissen über das Spiel. Kenntnisse über Varianz und Statistik. Die Erkenntnis, dass nicht alles so verlaufen muss wie erwartet, nur weil die Wahrscheinlichkeit dafür sehr hoch ist. Wissen sorgt dafür, dass Sie Tilt immer seltener zum Opfer fallen.

Verschiedene Poker-Strategien lernen und mentale Stärke aufbauen - beides ist gleichermaßen schwierig. Sie müssen langfristig an sich arbeiten. Wir empfehlen Ihnen, Bücher zu wälzen, Videos zu schauen und in Foren zu stöbern. Kombinieren Sie das Wissen mit Ihren Erkenntnissen darüber, was in Ihnen Tilt auslöst und wie Sie darauf reagieren. So lernen Sie - mit der Zeit -, Tilt zu vermeiden.

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