PSPC-Champion Ramón Colillas, Ingenieur eines Traums

Irgendwo in Spanien versuchte die Familie Colillas eine Nachricht ihres Sohnes zu verstehen. Er war einen Ozean entfernt, und wenn die Nachricht stimmte jetzt mehrfacher Millionär.

Ramón Colillas konnte mit dem ganzen Wirbel um ihn herum kaum mithalten. Kameras waren überall. Sein Smartphone hörte einfach nicht auf Krach zu machen. Jeder wollte mit ihm sprechen. Eine Woche zuvor war er noch ein bescheidener Pokerspieler, der um durchschnittliche Einsätze spielt. Aber jetzt war er ein $5 Millionen-Pokerchampion und hatte noch nicht einmal seine Eltern angerufen.

„Ich habe ihnen eine Nachricht über WhatsApp geschickt", sagte Colillas.

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Ramón Colillas

Mit 30 Jahren wanderte Colillas in kurzen Hosen und grünem Shirt durch das weitläufige Atlantis Resort. Er trug einen Rucksack und diesen zurückhaltenden, staunenden Blick. Es ist nur ein paar Jahre her, als er erstmals im TV gesehen hatte, wie die ganz großen Stars der Pokerszene auf den Bahamas aufeinandertrafen.

„Ich sah die TV-Aufzeichnung mitten in der Nacht und dachte: ‚Ich will dort spielen'. Und ich habe es geschafft", sagte er.

Jetzt hat er es tatsächlich geschafft. Er gewann zunächst den sogenannten Platinum Pass, eine glänzende Karte, die ihm einen kostenlosen Flug auf die Bahamas, ein Hotelzimmer im Atlantis und den Eintritt zur $25.000 PokerStars Players NL Hold'em Championship ermöglichte. Danach lag es an ihm, etwas daraus zu machen.

In einem Feld mit über 1.000 Spielern - darunter einige Hobby-Spieler, die ebenfalls einen Platinum Pass gewonnen hatten, aber auch viele Highroller - überlebte Colillas, entwickelte sich ständig weiter. Er bestand gegen viele talentierte Spieler und bewies seine Fähigkeiten.

„Ich habe früher Freerolls gespielt und immer mal wieder ein paar Cents gewonnen. Mir fiel auf, dass diese Turniere immer wieder von denselben Spielern gewonnen wurden, und ich fragte mich, wie das möglich ist", so Colillas.

Wenn er nur gewusst hätte, wo das Ganze für ihn endet.

EINE NEUE ZUKUNFT ENTWICKELN

Wenn du ihn vor Jahren gefragt hättest, hätte Colillas gesagt, er sei für eine Zukunft im Ingenieurwesen bestimmt. Sein Gehirn war dafür geeignet. Das Problem war, sein Herz war es nicht. Sein Bauchgefühl sagte, er ist ein Wettkämpfer.

„Mein Cousin hat mir einmal gesagt: ‚Du musst das machen, was du möchtest.'", sagte Colillas.

Was mochte Colillas? Er mochte Sport. Er mochte den Wettbewerb. Er war ein talentierter Fußballspieler. Er studierte Sport an der Universitat de Vic in Barcelona und spielte in einigen kleineren Fußballteams. Er begann sogar daran zu glauben, dass er davon leben könnte. Und er glaubte auch nach einer schweren Knieverletzung noch daran. Seine Bänder waren komplett gerissen, was für viele andere Spieler das Ende der noch jungen Karriere bedeutet hätte,

Stattdessen ließ sich Colillas von Ärzten wiederherstellen und startete mit der Reha. Er schaffte es zurück auf den Platz, spielte für ein anderes unterklassiges Team. Und dann spielte er für Manresa mitten im Herzen Kataloniens. Er war zurück, seine Zukunft lag vor ihm.

Es war nur nicht die Zukunft, die er geplant hatte.

Er verletzte sich am anderen Knie.

Er ging erneut den scheren Gang durch die Reha. Er kam erneut zurück.

Er verletzte sich wieder am Knie.

Er musste akzeptieren, dass er diesem Kampf nicht gewinnen konnte.

PERSONAL TRAINING

Colillas wurde Personal-Trainer, ein Job den er nicht hasste, aber einer, den er auch nicht liebte. In seinem Hinterkopf war er für größere Dinge bestimmt. Und er hatte nicht vergessen, was ein alter Mann ihm einst in einer Bar gesagt hatte.

In seiner Zeit als Fußballer gingen er und seine Teamkollegen nach den Spielen auf ein paar Drinks in eine Bar und spielten Karten. In einer Nacht kam dieser alte Mann zu ihnen an den Tisch und sagte: „Du solltest Poker spielen."

Seit dieser Zeit hatte Colillas genau das getan. Er war gut genug, um einige Freerolls zu gewinnen. Er spielte live ein €100-Turnier und gewann es. Er spielte mehr und mehr und kam letztlich an den Punkt, an dem er gewann... und er liebte seinen Job nicht genug, um in der Stadt zu bleiben.

Colillas zog zurück in das kleine Dorf, in dem er aufgewachsen war. Puig-reig, eine 1.000 Jahre alte Gemeinde mit 4.400 Einwohnern. Dort eröffnete er ein Fitnessstudio und es bestanden Zweifel, ob die kleine Bevölkerung ausreicht das Studio zum Laufen zu bringen. Doch Colillas ließ die Zweifler verstummen. Das Fitnessstudio war so erfolgreich, dass er kaum Zeit zum Schlafen fand. Wenn er doch schlief, dann träumte er davon, was er sein könnte und von diesen Pokernächten auf den Bahamas.

„Wenn ich eine freie Stunde hatte, nutzte ich sie um zu lernen und zu spielen", sagte Colillas.

Er lernte und stieg schnell in den Limits auf, gewann gutes Geld und qualifizierte sich immer wieder für Major-Turniere. Und die ganze Zeit über schwirrte diese Idee im Kopf herum, sich aus seiner Verantwortung im Fitnessstudio zu befreien, um Poker zu spielen. Seine Kunden zählten auf ihn. Seine Eltern hatten ihn immer unterstützt.

„Ich wusste nicht, wie ich den Grund für meine Abwesenheit erklären sollte", sagte Colillas. Seine Professionalität rang mit seinem Herzenswunsch. „Ich wollte die Freiheit zu reisen, ohne dass der Wecker klingelt."

Und im Hinterkopf hörte er die Stimme seines Cousins: „Du musst das machen, was du möchtest."

Und das tat er dann auch. Wie bei seiner Fußballkarriere sah es zunächst danach aus, als könnte nichts schiefgehen. Und wie bei seiner Fußballkarriere ging dann doch alles schief. Seine Bankroll bekam einen massiven Hit. Seine Karriere befand sich im Sturzflug und sein Traum war dabei sich in Luft aufzulösen. Er senkte die Buy-ins in der Hoffnung sich zu erholen, doch es funktionierte nicht. Monat für Monat verging ohne erwähnenswerte Ergebnisse.

PERSONAL RE-TRAINING

Wenn bei der Übersetzung nichts verloren ging, bezeichnete Colillas seinen Retter als seinen „Pokervater".

Colillas legt selbst viel Wert auf Privatsphäre, und aus diesem Grund bevorzugt er es, den richtigen Namen seines Pokervaters für sich zu behalten. Aber wer auch immer es war, das Treffen war ein Wendepunkt im Leben des zukünftigen Champions.

„Ich war immer Autodidakt. Ich konnte meine Erfahrungen nie mit anderen Pokerspielern austauschen, und er war mein Pokervater. Er hat mir geholfen."

Das Ergebnis. Colillas gewann alles zurück, was er in dem Jahr verloren hatte. Und als aus 2017 2018 wurde, fing er Feuer. Er gewann den ersten Stopp der Championship of Spain (CEP). Als sich abzeichnete, dass das Turnier bis spät in die Nacht läuft, stimmte er einem Deal zu.

„Ich hatte schon viele Stunden gespielt und war ein bisschen müde", sagte er.

Das Problem war, dass der Deal die Aufteilung der Leaderboard-Punkte in der CEP beinhaltete. Der Deal stellte sich daher als Fehler heraus, denn auf den Sieger des Leaderboards wartete ein Platinum Pass inklusive Trip auf die Bahamas.

„Dann stand der Geburtstag meiner Freundin bevor und sie sagte mir, dass sie in diesem Jahr kein Geschenk möchte. Sie wollte einfach nur auf die Bahamas fliegen."

Statt eine Pause einzulegen, spielte Colillas auch die restlichen CEP-Stopps... und er gewann den Platinum Pass.

DIE HEILGEN DREI KÖNIGE

Der 6. Januar ist ein Tag, den Colillas so lange er sich erinnern kann mit der Familie verbringt. Es ist El Día de los Reyes in Spanien, der 'Tag der Heiligen Drei Könige'. Es ist ein christlicher Feiertag, der an die drei Weisen aus dem Morgenland erinnert, die das Christkind besuchen. Für viele ist es die Offenbarung, für Colillas ist es ein Tag, an den er sich wieder wie ein Kind fühlt.

„Es war das erste Mal, dass ich diesen Tag nicht mit meiner Familie verbracht habe", so Colillas.

Es war auch der Tag, an dem Colillas sich auf den Bahamas an einen Pokertisch gesetzt hat, um die PSPC zu spielen. Es war das größte Turnier seines Lebens. Es war die größte Chance, die er je hatte.

„Als ich ankam, habe ich die Erinnerungen und Emotionen aus meiner Kindheit gefühlt", sagte. „Es war nervenaufreibend."

Colillas hatte ein Ziel. Wenn er es erreicht, würde er sich mehr Hoffnungen machen. Aber zunächst wollte er ins Geld kommen. Das würde ihm etwas mehr als $25.000 einbringen, ein ziemlich großer Betrag. Er erreichte dieses Ziel relativ einfach.

„Als ich dann im Geld war, sagte ich mir, es wird Zeit zu träumen", so Colillas.

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Der Traum ist wahr geworden

Der Rest der Geschichte, ist der Traum der meisten Pokerspieler und Colillas' Realität. Er beendete die PSPC mit einem Kuss seiner Freundin, der kunstvollsten Poker-Trophy und $5,1 Millionen Siegprämie.

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Colillas spielt Heads-up gegen Julien Martini um die PSCPC-Trophy

Es sind ein paar Jahre vergangen seit er seine Bankroll verloren hatte, viele weitere Jahre seit er seinen Traum vom Profifußballer begraben musste, und mehr als ein Jahrzehnt seit sein Cousin ihm den Rat gegeben hatte, der ihn bis zur Championship auf den Bahamas führte.

Ramón Colillas hat gemacht, was er wollte.


Die englische Original-Version des Artikels von Brad Willis findet ihr bei PokerStarsblog.com. Das Interview mit Colillas, auf dem der Artikel aufbaut, führte Jorge Iglesias vom spanischen PokerStars Blog.