Athleten haben ihren Zenit nach wenigen Jahren überschritten, die Chance zum Geldverdienen ist schnell vertan. Pokerspieler sind der krasse Gegensatz: Permanent in bester Goldgräber-Stimmung – vorausgesetzt, sie feilen unermüdlich am eigenen Spiel.

Doch obwohl das Alter oder die körperliche Verfassung für das Pokerspiel ohne Belang ist, sagen sich viele Poker-Veteranen vom Kartenspiel los – um sich anderen Unternehmungen zu widmen. In diesem Artikel werfen wir einen Blick darauf, was manche Ex-Pokerspieler heute umtreibt.


Sie sind jetzt (Poker-)Unternehmer

Im Laufe Ihrer Karriere eignen sich Poker-Profis Fähigkeiten an, die es ihnen leichter machen, anderweitig unternehmerisch tätig zu sein. Auch das Dasein als Pokerspieler ist ein Unternehmen. Man legt Arbeitszeiten fest, in denen man spielt oder Strategien austüftelt,man muss die eigenen Finanzen beisammen halten, man sammelt Erfahrung als Personalchef, wenn man beispielsweise einen Poker-Coach einstellt oder andere Spieler staken will.

Deshalb ist es nicht überraschend, dass viele Ex-Pokerspieler eigene Unternehmen gründen, wenn sie Poker den Rücken kehren. Oft lassen sie die Poker-Welt aber nicht komplett hinter sich.

Mike McDonald hat mit dem Pokerspielen aufgehört, um sich auf PokerShares zu konzentrieren

Mike McDonald ist bis heute der jüngste Spieler mit einem Titel auf der European Poker Tour (er war 18, als er die EPT German Open 2008 für $1,3 Millionen gewann). Insgesamt konnte er bei Live-Turnieren $13,3 Millionen mitnehmen – online hat er weitere Millionen eingespielt. 2017 gründete er PokerShares – eine Sportwetten-Seite, die sich auf Poker spezialisiert hat –, und während das Unternehmen wuchs, spielte er immer weniger Poker.

Doug Polk und Fedor Holz haben eigene Trainings-Seiten aufgemacht, bevor sie in „Poker-Rente“ gegangen sind. Dort geben sie das Wissen weiter, das sie sich im Laufe ihrer Karrieren erarbeitet haben. Doch kann man Poker wirklich den Rücken kehren? Polk ist für sein aufsehenerregendes Heads-Up-Duell mit Daniel Negreanu an die Tische zurückgekehrt. Holz (der 2017 nach einer langjährigen Erfolgssträhne angekündigt hatte, Poker nicht mehr als Vollzeitbeschäftigung zu sehen) hat sich als „CrownUpGuy“ online erneut dem Poker-Grind verschrieben und landet bei Turnieren mit den höchsten Buy-ins wieder regelmäßig auf den vorderen Plätzen.

Fedor Holz eilt längst wieder von Erfolg zu Erfolg


Neue Karrierepfade

Pratyush Buddiga hat in seinem Leben bereits einige Erfolge gefeiert. In jungen Jahren entschied er die Landesmeisterschaft im Buchstabierwettbewerb für sich. Anschließend sammelte er im Laufe seiner Poker-Karriere Gewinne in Höhe von $6,4 Millionen an. Mittlerweile hat Buddiga dem Pokern Lebewohl gesagt. Stattdessen ist er bei einem Start-Up-Unternehmen namens Volley als Chief of Staff tätig. Volley entwickelt sprachgesteuerte Spiele für Alexa und Google Home.

Pratyush Buddiga ist heute Chief of Staff bei bei Volley

Alex Wice, dem es als „AWice“ bei PokerStars gelang den Supernova-Elite-Status dreimal in einem Jahr zu erspielen, hat sich auf die Welt der Kryptowährungen eingelassen. Wice ist heute ein erfolgreicher Bitcoin-Investor, Blockchain-Experte und selbsterklärter „Krypto-Nomade“. Der frühere Heads-Up-Poker-Profi Jason Les füllt bei Riot Blockchain – einer Bitcoin-Mining-Firma – die Rolle als CEO aus.

Ramzi Jelassi – ein Ex-Poker-Profi aus Schweden – gewann 2012 die EPT Prag für beinahe $1,1 Millionen. Auch er hat einen neuen Karrierepfad eingeschlagen: Unter dem Namen Din Psykolog hat er ein Netzwerk schwedischer Psychotherapeuten aufgebaut.


Mit Leidenschaft bei der Sache

Wenn das Pokerspielen Früchte trägt, ist es natürlich, dass man sich auch anderen Leidenschaften widmen will.

Das haben sich wahrscheinlich auch Luca Pagano und Eugene Katachalov – beides ehemalige Profis aus dem Team PokerStars – gedacht, als sie 2017 ihr eigenes E-Sports-Team, Qlash, ins Leben gerufen haben. „Wir betrachten uns selbst als neuartiges Medienunternehmen, das Gaming- und E-Sports-Communitys global und vor Ort aufbauen und unterstützen will“, sagt die Selbstbeschreibung der Firma. Inzwischen kann Qlash mit einem der größten Gaming-Häuser der Welt (2.000 Quadratmeter und ausbaufähig) aufwarten, in dem regelmäßig Live-Events stattfinden, Profi-Spieler Boot Camps absolvieren, und Streamer sowie Influencer aus der Welt der E-Sports einkehren.

Liv Boeree widmet sich auf ihrem YouTube-Kanal wieder der Wissenschaft

Liv Boeree ist eine weitere PokerStars-Profi-Spielerin, die Poker – genau wie Pagano und Katachalov – Ade gesagt hat. Boeree hatte ihr Studium an der University of Manchester (in den Fächern Physik und Astrophysik) gerade mit der Bestnote („First Class Honours“) abgeschlossen, als sie die EPT Sanremo 2010 für €1,25 Millionen gewann. Zu dieser Zeit war es das größte Event im europäischen Raum. Nach einem Jahrzehnt als Poker-Profi ist Boeree jetzt YouTuberin. Damit widmet sie sich wieder ihrer ersten Leidenschaft: der Wissenschaft. In ihren Videos geht sie auf obskure Gedankenexperimente und Themen der Spieltheorie ein oder beschäftigt sich mit dem Weltraum und Physik.

Dann wäre da noch Hendon-Mob-Mitglied Ross Boatman, der schon zu seiner Zeit als erfolgreicher Poker-Profi auch ein erfolgreicher Schauspieler war. Von 1988 bis 1995 spielte Boatman in der britischen TV-Serie London’s Burning mit. Nachdem er mit dem Pokern aufgehört hatte, war er im erfolgreichen Film Paddington mit von der Partie. Weitere TV-Serien wie etwa The Bill, Holby City und Casualty folgten.

Jason Mercier geht in seiner Rolle als Vater (und erfolgreicher Poker-Staker) vollends auf

Wahrscheinlich der beste Grund, um mit dem Pokerspielen – zumindest zeitweilig – aufzuhören: Man gründet eine Familie. Genau das hat Jason Mercier zusammen mit seiner Frau Natasha getan. Mercier wird als einer der herausragendsten Pokerspieler unserer Zeit gehandelt, aber dieser Tage ist sein Glück am größten, wenn er mit seinen beiden Söhnen spielt.

Das heißt jedoch nicht, dass Mercier gar kein Poker mehr spielt. Auch wenn er länger nicht mehr an den Tischen zugegen war, konnte er 2019 ein $50.000 Buy-in-Turnier zu Hause in Florida für mehr als $715.000 gewinnen. Mercier hat sich im Laufe der Jahre außerdem als versierter Poker-Staker erwiesen. Garry Gates und Mercier machten beim World Series of Poker Main Event 2019 etwa eine Staking-Vereinbarung öffentlich. Gates landete letzten Endes auf dem vierten Platz für $3 Millionen – und Mercier bekam als Staker $2 Millionen ausgezahlt.

Poker kann alles sein: Eine lebenslange Profession oder ein Katapult, mit dem man sich in andere Welten schleudert. Es zeigt sich, dass der Entscheidungsbaum des Lebens für Pokerspieler allerlei Abzweigungen und Verästelungen bereithält.

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