Wir alle kennen den Begriff, und wir alle leben in der Poker-Welt, die er geschaffen hat. Doch was war der Poker-Boom, und wie hat er sich auf das Spiel ausgewirkt?


Definiere „Boom“

Nur ein Beispiel, um sich die Auswirkungen des Poker-Booms bewusst zu machen: Ohne Poker-Boom würdest du diesen Artikel nicht lesen, weil ich gar nicht hier sitzen würde, um ihn zu schreiben.

Moneymaker: Die Schlüsselfigur, die den Poker-Boom auslösen sollte

„Poker-Boom“ ist die Kurzbezeichnung, um das rapide gestiegene Interesse an Poker in den ersten zehn Jahren des 21. Jahrhunderts zu erklären. Poker – und insbesondere Texas Hold’em – durchliefen zu dieser Zeit Veränderungen. Statt einigen wenigen Menschen in der Spielbank stand Poker unverhofft Milliarden Spielern daheim zur Verfügung.

Im Grunde gibt es drei Säulen, die einander gestützt und zum Poker-Boom beigetragen haben.

Die erste Säule war Online-Poker. Die Folge: Tische waren 24 Stunden täglich, das ganze Jahr über zugänglich. Alles, was man brauchte, war ein internetfähiger Computer.

Zweitens fanden Fernsehanstalten zunehmend Gefallen an Poker als TV-Format. Die Erfindung der Hole-Card-Kameras und Poker-TV-Formate, in denen die neuen Stars der Szene um tausende Dollar wetteiferten, taten ihr Übriges.

Und drittens: Chris Moneymaker – ein Jedermann aus Tennessee, dem es 2003 gelang, das World Series of Poker (WSOP) Main Event in Las Vegas für sich zu entschieden, nachdem er sich online qualifiziert hatte. Seine Siegprämie: $2,5 Millionen. Was Moneymaker geschafft hatte, hielten andere auf einmal für realistisch. Plötzlich versuchten alle, der nächste Moneymaker zu werden.

Der Poker-Boom in Zahlen

Pieter de Korver gewann das EPT Main Event mit der höchsten Siegprämie in ganz Europa

Die Zahlen des Poker-Booms sprechen für sich. Dabei ist es egal, wohin man schaut. Im Jahr 2000 konnte das Main Event der World Series of Poker 512 Teilnehmer auf sich vereinen. Seit seiner Einführung 1970 kletterten die Teilnehmerzahlen stetig nach oben, was auf ein steigendes Interesse an Poker schließen lässt. Doch in den sechs Jahren darauf – mit Moneymakers WSOP-Erfolg 2003 in der Mitte – erreichten die Zahlen astronomische Ausmaße. 2006 der Höhepunkt: 8.773 Spieler entrichteten das Buy-in, die Siegprämie lag bei $12 Millionen. Seitdem gab es kein WSOP Main Event mehr, das weniger als 6.352 Spieler für sich begeistern konnte.

Dieser Anstieg lässt sich in der gesamten Poker-Welt beobachten, online wie in nicht virtuellen Spielbanken. Die erste World Championship of Online Poker (WCOOP) fand 2002 statt, hatte neun Events und 2.452 Entries. 2010 umfasste die Turnier-Series 62 Turniere, die zusammenaddiert über 140.000 Entries zählten.

Dann gab es noch die EPT, die 2004 zum ersten Mal stattfand. Das erste Main Event verbuchte 229 Spieler. Zu dieser Zeit lag das Buy-in noch bei €1.000 – ergo befanden sich €229.000 im Preispool. Als der Boom in Europa einsetzte, war das Momentum der EPT nicht zu stoppen. 2009 entschied Pieter de Korver das EPT Grand Final in Monte-Carlo für sich. 935 Spieler hatten das Buy-in – nun 10.000 € – entrichtet. De Korver gewann €2,3 Millionen, beinahe 30-mal so viel wie Stevic für den Sieg des ersten Main Events ausgezahlt bekam.

Boom, Boom, Boom – weltweit

Während dieser Zeit strömten Spieler aus Teilen der Welt, in denen sich Poker zuvor nie festsetzen konnte, an die Tische. In den ersten Jahrzehnten seines Daseins war Poker vor allem eine amerikanische Freizeitbeschäftigung. Familien versammelten sich am Küchentisch und spielten um Cent-Beträge. Anderswo war Poker dagegen gänzlich unbekannt.

Jedoch erlaubte das Internet Spielern auf der ganzen Welt Poker zu lernen. In Ländern ohne Poker-Traditionen entflammte urplötzlich ein Interesse am Kartenspiel.

In den skandinavischen Ländern schickten sich die ersten Spieler an, die mit Konventionen aufräumen und der Welt zeigen sollten, was „aggressiv“ bedeutet. Darauf folgten deutsche Spieler, die minutiös an Poker-Strategien tüftelten und im gegenseitigen Coaching ein neues Verständnis erschlossen. Touren wie die Latin America Poker Tour, die Asia Pacific Poker Tour und die Eureka Poker Tour statteten noch mehr Ländern einen Besuch ab, brachten Spieler zum ersten Mal mit Poker in Berührung. Die Strahlkraft des Booms reichte unter anderem bis Brasilien, Argentinien und Australien, Macau, Rumänien und Bulgarien. Den Besten der Regionen war es vergönnt, sich einem der Pro-Poker-Teams der Poker-Seiten anzuschließen.

In den USA gedieh Poker weiterhin. Studenten verwandelten die Wohnheime in Poker-Spielstätten, verdienen nachts Millionen und sorgten so für Schlagzeilen. Dieser Teil des Booms wurde mit dem Black Friday 2011 jäh gestoppt. Zum Glück war das Spiel anderswo auf genug Nährboden gestoßen, um den Rückschlag verkraften zu können.

Wie der Boom Poker verändert hat

Da Millionen Spieler auf der ganzen Welt Poker spielten, dauerte es nicht lange, bis neue Varianten von sich reden machten. Online-Poker machte es Entwicklern leicht, Experimente mit neuen Poker Spielen zu wagen. Manche Variationen entstanden zuerst an den Live-Tischen.

Plötzlich war Chinese Poker der letzte Schrei

Als sich der Boom seinem Zenit näherte, rückte überraschend Chinese Poker in den Mittelpunkt. Abseits der High-Stakes-Tische verbrachten manche Top-Spieler jede freie Minute mit der neuen Variante. Selbst in Homegames zeigten sich Spieler experimentierfreudig. Texas Hold’em und Omaha dienten als Fundament, doch hier fügte man Karten hinzu oder nahm welche weg, dort änderten sich die Regeln für Einsätze. Poker entpuppte sich als erstaunlich flexibel – es war nicht schwer, für frischen Wind zu sorgen.

Der Boom ebnete auch den Weg für Super High Rollers – Turniere, bei denen die fähigsten Profis gegen die reichsten Geschäftsleute der Welt antraten. Private Cashgames mit riesigen Buy-ins ereigneten sich längst hinter den Kulissen. Turniere folgten. Die Buy-ins kletterten auf $50.000, $100.000 und noch höhere Beträge. Erst bei $1 Million Teilnahmegebühr zog man die Grenze. In diesem Umfeld trat Short-Deck bzw. 6+ Poker in Erscheinung – eine Variante, die die Kluft zwischen Profis und Hobby-Strategen verengen sollte. Der Boom hat auch diesen Stein ins Rollen gebracht.

Poker-Booms in der Popkultur

Während es in den 1990er Jahren kaum Menschen gab, die sich auf Poker-Regeln verstanden, haben 2021 die meisten schon ein oder zwei Partien Poker bestritten. Selbst in Kneipen wird Poker gespielt. Auf Mobilgeräten gibt es Apps, mit denen man jederzeit einige Minuten der Poker-Action widmen kann.

Filme mit Poker-Szenen sind heutzutage kompetenter umgesetzt

Noch bevor der Boom Fahrt aufnehmen konnte, erschien Rounders – der Kultfilm mit Matt Damon und Ed Norton – auf der Leinwand und brachte dem Hollywood-Publikum Poker auf überzeugende Weise näher. Noch heute wird der Film von Poker-Fans geschätzt. Auch heutzutage gibt es immer wieder Beispiele, dass die Entertainment-Branche dazugelernt hat – selten müssen wir klischeebeladene Szenen ertragen, in denen der Vierling erwartbar gegen den Royal Flush anläuft. Paul Schrader hat für seinen letzten Film The Card Counter sogar einen Poker-Berater ins Team geholt.

Diese Entwicklung ist dem gestiegenen Poker-Interesse und dem gewachsenen Poker-Wissen beim Publikum zu verdanken. Und der Poker-Boom hat diesen Wandel möglich gemacht.

Obwohl kaum jemand behaupten würde, dass der Poker-Boom noch stark um sich greift, ist das Spiel heute weitaus beliebter als man vor dem Jahr 2000 vermutet hätte. In Online-Kartenräumen tummeln sich regelmäßig Zehntausende, um miteinander Poker zu spielen. Größere Events ziehen – verglichen mit Turnieren vor 20 Jahren – ein Hundertfaches an Spielern an.

Die Geschwindigkeit des Poker-Booms hat abgenommen, aber Poker hat sich auf einem sehr hohen Niveau eingependelt. Schließlich liest du diesen Artikel. Und ich habe ihn geschrieben.

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